Jod und Selen bei Hashimoto – essentiell oder gefährlich? (Thema Jod / Teil 1)
Jod und Selen bei Hashimoto – essentiell oder gefährlich? (Thema Jod / Teil 1)

Jod und Selen bei Hashimoto – essentiell oder gefährlich? (Thema Jod / Teil 1)

Jod. Ein schwieriges, wirklich schwieriges Thema. Ich habe schon seit Ewigkeiten Hashimoto, aber mit dem Thema Jod beschäftige ich mich erst seit etwa einem Jahr. Aber wieso eigentlich? Jod ist doch wichtig für die Schilddrüse, oder etwa nicht? Absolut, die Schilddrüse braucht Jod. Deswegen gibt es bei uns ja auch jodiertes Salz zu kaufen, nicht wahr?

Aber wie ist das bei Hashimoto? Braucht man auch dann Jod, wenn man an Hashimoto erkrankt ist? Was passiert mit der Schilddrüse, wenn sie zu wenig Jod bekommt, was wenn sie zu viel bekommt – egal ob mit oder ohne Hashimoto?

Das Thema Jod ist wahrlich ein sehr kontroverses und umstrittenes. Und gleichzeitig ein extrem wichtiges.

Es ist auch ein sehr umfangreiches Thema, genauso wie das Selen – weshalb es nicht bei diesem heutigen Blogartikel bleiben wird, sondern in den nächsten Wochen noch zwei weitere folgenden werden. Wie ich weiß, ob ich einen Jod-/Selenmangel habe oder nicht, was ich dagegen tun kann, und wofür Jod sonst noch gut ist außer für die Schilddrüse … das alles behandle ich in den kommenden Wochen.

 

Aber nun zu Jod und Selen bei Hashimoto …

 

Jod ist ein essentielles Spurenelement und gehört im Periodensystem gemeinsam mit Fluor, Chlor, Brom und Astat zur Gruppe der Halogene. Es ist für eine optimale Schilddrüsenfunktion unabdingbar.

Jodiertes Salz wurde vor etlichen Jahrzehnten flächendeckend eingeführt, um die Bildung eines Kropfs beim Menschen zu verhindern, also die Vergrößerung der Schilddrüse. Dieser, gepaart mit einer verminderten Intelligenzausprägung („Kretinismus“), war bis zu den 1920er Jahren leider sehr häufig.

Mit Einführung des jodierten Salzes gingen sowohl die Fälle an Kretinismus als auch die jodmangelbedingten Schilddrüsenerkrankungen wie Kropf, Schilddrüsenunterfunktion und -überfunktion und Schilddrüsenknoten signifikant zurück. Die Zahl der an Hashimoto erkrankten Menschen hat sich in den letzten Jahren allerdings signifikant erhöht.

Wie kann das sein? Ist es das Jod im Salz, das zum vermehrten Auftreten von Hashimoto führt?

 

„Gib kein Jod bei Hashimoto, du gießt Öl ins Feuer“

 

Mir wurde mehrmals gesagt, ich sollte kein zusätzliches Jod zu mir nehmen. Durch die normale Ernährung würden wir genügend Jod zu uns nehmen, mehr bräuchten wir nicht. Da ich bei meinen Recherchen immer wieder auf unterschiedliche Meinungen zum Thema Jod bei Hashimoto gestoßen bin, habe ich das Thema einfach sein lassen und eben kein zusätzliches Jod zu mir genommen. Getestet wurde der Jodgehalt in meinem Körper allerdings auch nie.

Als ich in meiner ersten Schwangerschaft ein Schwangerschaftsmultivitamin nehmen sollte, wurde mir aufgrund meines Hashimotos eines ohne Jod empfohlen. Heute weiß ich, dass dies sowohl für mich als auch für meine Kinder gesundheitsschädlich war.

Auch wenn man Hashimoto hat, benötigt die Schilddrüse Jod. Und nicht nur die Schilddrüse, sondern fast jede Körperzelle benötigt Jod, insbesondere die Brustdrüsen, Eierstöcke, Gebärmutter und Prostata.

 

Sehen wir uns an, wieso die Schilddrüse Jod benötigt …

 

Wenn Sie sich an diesen Artikel zurückerinnern, haben wir das Zusammenspiel zwischen Hypothalamus, Hypophyse und Schilddrüse besprochen.

Nochmals kurz umrissen: Der Hypothalamus überwacht die Schilddrüsenhormonwerte im Blut und schickt bei niedrigen Werten das sogenannte TRH Hormon (engl. „thyroid releasing hormone“) raus, welches die Hypophyse dazu veranlasst, vermehrt TSH (engl. „thyroid stimulating hormone“) auszuschütten, welches wiederum die Schilddrüse dazu veranlasst, mehr T3 und T4 auszuschütten. Durch eine Rückinfo an den Hypothalamus (engl. „negative feedback loop“) stoppt dieser die Ausschüttung von TRH sobald wieder genügend Schilddrüsenhormone im Umlauf sind. (Quelle1, Quelle2)

Das Jod kommt ins Spiel, wenn wir uns die Produktion von den Schilddrüsenhormonen T3 und T4 im Detail ansehen:

Das TSH Hormon veranlasst die Schilddrüse, T3 und T4 auszuschütten. Gleichzeitig stimuliert das TSH den sogenannten Natrium-Jodid-Symporter, damit dieser Jod in die Zelle aufnimmt.

Der Natrium-Jodid-Symporter ist ein Transportsystem und Bestandteil der Zellmembran, das das Filtern von Jod aus dem Blut und dessen Speicherung in den Organen ermöglicht. (Quelle)  D.h. Jod muss nicht nur aufgenommen werden (über die Haut, oral oder durch Einatmen), sondern über den Natrium-Jodid-Symporter in die Zellen geschleust werden, um im Körper auch wirken zu können.

Sobald das Jod sich nun innerhalb der Zelle befindet, wird es an die Aminosäure Tyrosin gebunden, um T4 und T3 herzustellen. T4 (Thyroxin oder Tetrajodthyronin) besteht aus Tyrosin und vier Jodatomen, während T3 (Trijodthyronin) aus Tyrosin mit drei Jodatomen besteht.

T4, das inaktive Schilddrüsenhormon, wird zu etwa 80% in der Schilddrüse hergestellt und T3, das aktive Schilddrüsenhormon, zu etwa 20%. Die restlichen 80% des T3 werden außerhalb der Schilddrüse aus T4 umgewandelt, großteils in der Leber. Das geschieht durch die sogenannte Deiodinase, bei welcher eines der vier Jodatome aus T4 entfernt wird. (Quelle)

 

Und genau an diesem Punkt kommt jetzt das Selen ins Spiel …

 

Auch Selen ist ein essentielles Spurenelement, welches eine große Bedeutung für die Schilddrüsengesundheit hat. Selen ist ein wichtiger Baustein für die Bildung von einer Vielzahl an sehr wichtigen Proteinen bzw. Enzymen. (Quelle1, Quelle2)

Deiodinasen sind beispielsweise solche Selenoenzyme. Diese sind dazu in der Lage, aus dem inaktiven Schilddrüsenhormon T4 das aktive Schilddrüsenhormon T3 zu machen, indem sie ein Jodatom entfernen.

Weitere selenabhängige, und für die Schilddrüsengesundheit essentielle Enzyme sind die sogenannten Glutathionperoxidasen, die im Zusammenspiel mit Glutathion gegen oxidativen Stress wirken. Dazu gleich mehr …

Ein weiteres Selenoenzym ist das Selenoprotein S (SELENOS), welches an der Kontrolle von Entzündungsreaktion der Zelle beteiligt ist. Laut einer portugiesischen Studie aus dem Jahr 2014 soll dieses Enzym eine große Rolle spielen bei den bei Hashimoto auftretenden Entzündungsprozessen. (Quelle)

 

Wieso wird nun bei Hashimoto zu einem Jodverzicht geraten?

 

Wie wir gesehen haben ist die Hauptaufgabe der Schilddrüse die Umwandlung von vier Jodatomen und einem Tyrosinmolekül in das Schilddrüsenhormon T4. Für diesen Prozess wird das Enzym Thyreoperoxidase (TPO) benötigt. Kommt uns bekannt vor, nicht wahr? Genau, bei Hashimoto bildet der Körper genau gegen dieses Enzym Antikörper (TPO-Ak).

Sehen wir uns das TPO Enzym einmal näher an: Es ist dafür zuständig, dass Jodid in zellgängiges Jod umgewandelt wird. Diese Jodatome können daraufhin an ein Tyrosinmolekül gebunden werden, um Thyroxin (T4) zu bilden.

Bei diesem Prozess fällt allerdings auch Wasserstoffperoxid (H2O2), das leider ein sehr starkes Prooxidant ist (das Gegenteil von Antioxidant), also ein toxischer Stoff. Dieses kann zum Problem werden und oxidativen Stress erzeugen, wenn es nicht neutralisiert wird, es kann also Erythrozyten (rote Blutkörperchen) schädigen.

Der Körper ist allerdings ein wahres Wunderwerk, und natürlich gibt es eine eingebaute Lösung für dieses Problem: das Glutathion, das stärkste Antioxidant das es gibt. Gemeinsam mit Selen wandelt Glutathion H2O2 in H2O (Wasser) um.

Solange also genügend Selen vorhanden ist, funktioniert alles bestens. (Quelle)

Nun ist es bei Hashimoto allerdings so, dass der Körper ja Antikörper gegen TPO bildet. D.h. die Umwandlung von Jodid in zellgängiges Jod (also vom Körper tatsächlich verwertbares Jod) funktioniert eben nicht reibungslos. (Quelle)

Nimmt man nun Jod hochdosiert ein, überfordert man die Schilddrüse und es kommt zu Entzündungsprozessen und zu einer übermäßigen Bildung vom toxischen Wasserstoffperoxid. Ohne Selen kann dies nun nicht komplett umgewandelt werden.

Kyra Kauffmann drückt es so aus: Die Schilddrüsenzellen haben bei Hashimoto die Fähigkeit verloren, aus Jod und Thyrosin Schilddrüsenhormone herzustellen. Das Jod wird nicht mehr richtig verarbeitet. Genauso wie ein entzündeter Magen auf die Nahrungszufuhr mit Schmerzen reagieren kann, kann auch die erkrankte Schilddrüse auf die Zufuhr von Jod mit Symptomen wie Druckgefühl am Hals, Kopfschmerzen, Schwindel und Herzrasen reagieren. Essen müssen wir trotzdem, auch wenn der Magen schmerzt. Genauso sieht es bei der Schilddrüse aus, auch sie benötigt Jod, auch wenn sie „schmerzt“ und dieses Jod nicht ordentlich verarbeiten kann. Und nicht nur die Schilddrüse benötigt Jod, auch viele andere Organe, aber dazu ein anderes Mal mehr.

 

Jod und Selen bei Hashimoto – ja oder nein?

 

Ich wiederhole an dieser Stelle den gesamten Prozess in wenigen, einfachen Worten, um zu verdeutlichen, wie wichtig Jod und Selen für die Schilddrüse sind:

Der Körper benötigt eine ausreichende Menge an Jod um in der Schilddrüse Hormone herstellen zu können. Für diesen Prozess werden weitere Spurenelemente benötigt, vor allem Selen. Selenoenzyme unterstützen einerseits die Schilddrüsenhormonproduktion, und andererseits schützen sie die Schilddrüse vor den toxischen „Abfällen“ die bei diesem Prozess anfallen. (Quelle)

Das heißt, dass auch Hashimotoerkrankte zur Herstellung von Schilddrüsenhormonen Jod benötigen. Außerdem benötigt nicht nur die Schilddrüse Jod, auch viele andere Organe benötigen es. Aber – und dies wird auch von Kyra Kauffmann bestätigt – man muss das Thema Jod gerade bei Hashimoto sehr vorsichtig und sehr langsam angehen. Was die Experten dazu raten, behandle ich in meinem nächsten Blogartikel.

 

Die Interaktion von Jod und Selen in wissenschaftlichen Studien

 

Die wissenschaftliche Studienlage ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass ein jeder Arzt davon gehört hat, dass Selen und Jod auch bei Hashimoto benötigt werden. (Mein praktischer Arzt weiß jedenfalls noch nichts davon.) Aber es gibt sehr wohl Studien, die zeigen, dass Selen sowohl vor Hashimoto als auch die Schilddrüse bei übermäßiger Jodeinnahme schützen kann.

Wenn nur Jod alleine hochdosiert eingenommen wird, kann es sogar Hashimoto auslösen (Quelle). Wenn allerdings genügend Selen vorhanden ist, führt auch eine hochdosierte Jodeinnahme nicht zu Schilddrüsenerkrankungen wie Hashimoto, so eine andere Studie. (Quelle)

Jetzt wo wir die biochemischen Prozesse dahinter verstehen, ist dies auch verständlich.

Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Expertenmeinungen bei diesem Thema ordentlich auseinandergehen. Es gibt genügend Stimmen von bekannten – und von mir hoch angesehenen Ärzten – die Jod bei Hashimoto nicht empfehlen. Dr. Datis Kharrazian zum Beispiel, oder auch Chris Kresser. Übermäßiges Jod „heize“ die Entzündungsprozesse in der Schilddrüse noch weiter an. Was ja auch stimmt – wenn man das Thema Jod isoliert und ohne Cofaktoren betrachtet. Was diese Experten allerdings auch erwähnen ist, dass ein Jodmangel allerdings sehr wohl ausgeglichen, und niemals auf das Selen vergessen werden sollte. Nur vor einer hochdosierten Jodeinnahme warnen sie eindrücklich.

Dem gegenüber stehen die Aussagen von Dr. Guy Abraham und David Brownstein, welche auch bei Hashimoto hochdosiertes Jod empfehlen und ihre Patienten dementsprechend auch so behandeln und durchwegs gute Erfolge damit erzielen.

Dr. Jeffrey Dach hat sich diese kontroversen Sichtweisen angesehen und ist zu dem Schluss gekommen, dass Selen hier die eindeutige Antwort ist. Mit ausreichend Selen in der Zelle, könne auch hochdosiertes Jod keinen Schaden anrichten. Studien, die zum gegenteiligen Ergebnis gelangen, würden Jod alleine und isoliert betrachten, ohne das Zusammenspiel mit weiteren Cofaktoren, insbesondere Selen.

 

Selen kann Antikörper senken

 

Und nicht nur das – Selen soll die bei Hashimoto typischen Antikörper sogar senken können. Einige Studien belegen mittlerweile, dass die Einnahme von täglich 200 mcg Selen nach einer Einnahmedauer von 6-12 Monaten die TPO-Antikörper signifikant senken kann, während nach einer Einnahmedauer von 12 Monaten auch die Tg-Antikörper (Thyreoglobulin-Antikörper) gesenkt werden können. Zusätzlich kann Selen, laut diesen Studien, wohl auch die Stimmung verbessern, und zwar ohne jegliche Nebenwirkungen. (Quelle)

 

Zusammenfassung und Ausblick

 

Mit dem heutigen Artikel habe ich versucht aufzuzeigen, welche Bedeutung die Spurenelemente Jod und Selen für die Schilddrüsengesundheit haben. Welche biochemischen Prozesse hierbei ablaufen. Und ob diese Spurenelemente auch bei Hashimoto benötigt werden, zumal vor Jod ja sehr stark gewarnt wird. Zu Recht, Hashimoto ist ein multifaktorielles Problem. Ein Spurenelement alleine kann hier keine Hilfe sein. Und schon gar nicht wenn es sich um Jod handelt, welches alleine eingenommen hier sogar sehr viel Schaden anrichten kann.

Doch, wie hoch sollte die Jodeinnahme sein – bei gesunden Menschen oder auch bei Menschen mit einer Schilddrüsenerkrankung? Wie finde ich heraus, ob ich einen Jod-/Selenmangel habe? Reicht es, wenn ich jodiertes Salz zu mir nehme, oder sollte ich dieses meiden? Muss ich Jod einnehmen, wenn ich keinen Mangel habe? Welche Jodarten gibt es eigentlich? Und was, wenn ich es nicht vertrage? Gibt es tatsächlich eine Jodallergie? Was muss man bei einer Jodaufnahme, außer Selen, sonst noch beachten? Diese wichtigen Fragestellungen werde ich in meinem nächsten Blogartikel behandeln.

 

Empfehlenswerte Bücher zum Thema Jod

 

 

WICHTIG: Die dargestellten Informationen sind ausschließlich für den Informationsgebrauch bestimmt. Sie stellen keine medizinische Beratung dar und können einen ärztlichen Rat nicht ersetzen. Ferner sind die dargestellten Informationen nicht dazu geeignet, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen. Ebenso wenig dürfen sie als Aufforderung zu einer bestimmten Behandlung oder Nicht-Behandlung einer möglichen Krankheit verstanden werden.

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